Was ist denn hier passiert?
Es gibt Freitagabende, an denen ist man einfach fix und alle und definitiv zu müde für jugendlichen Leichtsinn. Was soll man da machen? Im besten Fall entdeckt man eine Veranstaltungsreihe, die ich spontan zu den Top Ten der Literaturabende seit langer Zeit zählen möchte. Im Literaturhaus Berlin treffen sich anscheinend immer mal wieder Jörg Baberowski, Stefanie Schüler-Springorum und Michael Wildt und plaudern über historische Neuerscheinungen. Das Ganze trägt den launigen Titel “Was ist denn hier passiert?”
Dieses Mal ging es um Dominic Lievens “Rußland gegen Napoleon”, Ian Kershaws “Das Ende”, Neil McGregors “Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten”, um Wolfgang Ruges Memoiren “Gelobtes Land. Meine Jahre in Stalins Sowjetunion” und um den historischen Roman “Wölfe” von Hilary Mantel.
Was mich gereizt hatte, war neben der illustren Runde wohl das Versprechen, man würde statt Belehrung “neugierig reflektierende Nachfrage” versuchen. Positiv überrascht war ich dann, dass das Ganze ohne die heute obligatorische Moderation auskam. Die drei saßen tatsächlich einfach da und unterhielten sich. Hörten sich zu. Dachten offensichtlich nach. Und betrieben eine Form von Kollegenschelte, die man nur als liebevoll bezeichnen kann. Was für ein Spaß! Am Ende luden sie noch Eugen Ruge dazu, der ein wenig über den Kampf seines Vaters mit den eigenen Erinnerungen berichtete.
Überzeugend war vor allem der Erkenntnisgewinn des Formats. Denn alle Bücher sind natürlich von der Kritik längst ausgiebig, wohlwollend bis hochlobend besprochen worden. Aber jeder der drei hat eben sein Steckenpferd, seinen speziellen Blick. Und alle drei wissen viel zu gut, wieviel Mühe historische Quellenarbeit macht, um einfach so an den Veröffentlichungen der Kollegen herumzumäkeln (herrlich ehrlich übrigens Baberowski, der eingestand, Kershaw sei wohl einer der letzten Professoren, die noch selbst ins Archiv gingen). Ihre Kritik war dadurch nur umso besser begründet und nachvollziehbar. Schüler-Springorum outete sich darüber hinaus als Fan historischer Romane - einem Genre, dem ich jetzt doch noch eine allerletzte Chance gebe.
Alles in allem ein toller Abend, der leider in zwei Kaufempfehlungen gipfelte, denen ich wohl sklavisch Folge leiste. Später, in der U-Bahn, bemängelte übrigens eine andere Zuhörerin, “die Professoren hätten sich ruhig mehr angehen können.” Seufz.
Foto: André Köhler, 2011. (c) Literaturhaus Berlin
Edit: Die nächste Runde findet übrigens am 11. Mai statt.
Do you know how many bookmarks I own?
Lesen ist ja grad der heißeste Scheiß. Wie man an dem Video oben sieht oder an den vielen Blogs und Posts zum Thema. Zum Beispiel diesem, diesem, diesem oder diesem. Oder daran, dass nach vielen Jahren wieder lesende Mädchen auf den Straßen herumlaufen - also aufdenstraßenherumlaufendlesend. Ich möchte nicht zu weit gehen, aber ich sehe da Analogien zu Kassetten-T-Shirts und großen Kopfhörern, die ja auch in dem Moment wieder schick wurden, als jeder einen mp3 Player hatte. Meine Prognose, leider: Das letzte Aufbäumen vor der e-book-Ära.
Da Bücher also im Moment ein noch besseres, weil cooleres Distinktionsmerkmal als früher sind, möchte ich gerne davon profitieren und poste in Zukunft immer mal wieder ein paar Rezensionen von Büchern zu historischen Themen. Natürlich nicht von Neuerscheinungen, das wäre ja nicht nerdig genug. Sondern von Büchern aus der Kategorie “geliehen und gegrabbelt”. Re-reading ist ja auch sehr angesagt.
Der Holocaust im Film
Heute komme ich endlich dazu, ein paar Worte über eine sehr interessante Veranstaltung zu schreiben, die ich vor rund zwei Wochen besucht habe. Im Jüdischen Museum Berlin wurde ein neuer Sammelband zur filmischen Darstellung des Holocaust vorgestellt, Welchen der Steine du hebst. Das Buch selbst habe ich leider noch nicht in der Hand gehabt, werde aber sicher in der nächsten Zeit mal reinlesen. Für die Zusammenstellung der Aufsätze und für die Buchvorstellung selbst gibt’s aber an dieser Stelle schonmal ein Lob vorab.
Wenn sechs Wissenschaftler Kurzvorträge über ihre eigene Publikation halten, kann das auch eine ziemlich unerträgliche, selbstbeweihräuchernde Veranstaltung werden. Dieser Abend war dagegen eine charmante, weil nicht immer ganz perfekte Einladung, sich mit dem Thema ein bißchen intensiver zu befassen. Positiv fand ich vor allem, dass “Schindlers Liste” und ähnlich bekannte Filme nur am Rande gestreift wurden, um Symbole, Rollenkonstellationen oder ähnliches in Erinnerung zu rufen. Vorgestellt wurden stattdessen einerseits Filme, die vielleicht keine größere Breitenwirkung hatten, dafür aber unter Filmschaffenden umso schärfer diskutiert wurden, Dokumentationen, die für den Schulunterricht empfohlen werden und schließlich Filme aus Israel, die in Deutschland wenig bekannt sind. Auch die Themensetzung war überraschend vielseitig (u.a. Porrajmos, Genderfragen und Konflikte bei der Integration der Holocaust-Überlebenden in Israel).
Den Mainstream der Geschichtsinteressierten erreicht man mit so einer Publikation natürlich nicht unbedingt. Umso schöner, dass die Stiftung “Erinnerung Verantwortung Zukunft” das Projekt trotzdem gefördert hat. Dadurch hab ich nämlich einen Abend gehabt, der bis jetzt nachwirkt. Und einige Tipps für meine Liste mit Filmen, die ich unbedingt noch sehen muss.
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